ERINNERUNGEN

MANFRED GLAWE

 

Luisenstraße 17/17a

Bad Nauheim

 

 

Als ich, Manfred Glawe, mit fast 70 Jahren nach Bad Nauheim in die Luisenstraße 17/17a umzog, im Sommer 2010 (im Jahr der Landesgartenschau), ahnte ich nicht, wie interessant mein neuer Lebensabschnitt werden sollte. Natürlich hatte mir meine Frau Marlis John-Glawe, geb. Bieker, schon viel von ihrer Heimatstadt erzählt, dennoch war ich von den zahlreichen neuen Eindrücken und Erfahrungen angenehm überrascht. Bisher lebte ich in der Anonymität von Großstädten. In Bad Nauheim lernte ich insbesondere das Gefühl für Heimat kennen und wie wichtig dabei Erinnerungen an Vergangenes sind.

 

Mein Gefühl für Heimat begann sich zu entwickeln, als ich mich mit der Geschichte des Gebäudes beschäftigte, in dem sich unsere Wohnung befindet. Auf Überlieferungen ehemaliger Bewohner konnte ich nicht zurückgreifen. Das Gebäude diente seit seiner Errichtung zu Beginn des vorigen Jahrhunderts den Benutzern stets nur für temporäre Aufenthalte. Zuerst wurde es als Versorgungsanstalt, danach als Pension/Hotel und zuletzt als Aufnahmeeinrichtung für Aussiedler genutzt. Nach längerem Leerstand ließ Architekt Wohlgemuth aus Bad Nauheim das Gebäude sanieren und renovieren, das nun seit 2006 aus Eigentumswohnungen besteht. Mich beeindruckte, dass nach einer so wechselvollen Nutzung am und im Gebäude noch so viele schöne Jugendstilelemente im Originalzustand erhalten sind, wie zum Beispiel das Treppenhaus und die Flurfenster. Diese Details verstärkten mein Interesse an der Kunst des Jugendstils. Meine Frau und ich wurden Mitglieder im Jugendstilverein Bad Nauheim. Die damalige Vorsitzende, Metta Thiemon sowie Hermann Pfeffer und Traudel Düll nahmen sich unserer in besonders netter Art und Weise an. Ähnliches erfuhren wir später auch in anderen Bad Nauheimer Vereinen und Organisationen.

 

Ein entscheidender Grund dafür, dass ich mich bald in Bad Nauheim heimisch fühlte war, dass meine Frau schnell Kontakt bekam zu ihren ehemaligen Mitschülerinnen/Mitschülern der Stadtschule und ihren früheren Nachbarn in der Magarethenstraße. Sobald es bei diesen Gesprächen hieß: "Weißt du noch....", wurde es für mich besonders spannend. Durch diese Erzählungen bekam ich schnell Einblicke in die Zeit vor und nach dem 2. Weltkrieg. Insbesondere die Unterhaltungen mit Ur-Bad Nauheimern, wie zum Beispiel mit Steinmetz Heinz Frank und die Treffen der "Altstadtgilde", unter der Leitung von Wolfgang Zeh, waren für mich sehr aufschlussreich. Auf diese Weise erlangte ich bald Vorstellungen und Kenntnisse über die Stadtentwicklung und Ereignisse in unserer Stadt ab ca. 1850, sowie über Geschäfte, die es in der Stadt nicht mehr gibt, wie z.B. Hermes u. Weber (Haushaltswaren), jetzt "Rossmann", Umsonst (Fischhandel), jetzt "Douglas", Genzel (Feinkost), jetzt "Hinnerbäcker", Textilhaus Wagner, jetzt "Bonita", Radio Gries, jetzt "Café Phono", Parfümerie Pieske, jetzt "Taunus-Apotheke", Powilleit (Blumen), jetzt "Café und Vinothek Fellini", Elektro John, jetzt Damenmoden "N-Dress Natalija"

 

Seit der Rückkehr sieht und erlebt meine Frau Bad Nauheim neu und anders. Standen früher die Familie und ihr Geschäft in den Kolonnaden ("Damenwäsche") im Vordergrund, kann sie nun die vielfältigen kulturellen Angebote, die Kureinrichtungen, Parkanlagen, die Tasse Kaffee am Vormittag am Aliceplatz, das wöchentliche Markttreiben und vieles mehr genießen. Mit besonderem Interesse verfolgt meine Frau das fast vierzigjährige engagierte Wirken ihres Sohnes Stefan John, im und für den Verein "Eisenbahnfreunde Wetterau".

 

 

Bad Nauheim ist nun unsere gemeinsame Heimat.

Manfred Glawe, 09.08.2016