ERINNERUNGEN VON

TRUDE BUCHER

UND IHR BESONDERER LEBENSMITTELPUNKT

Stresemannstrasse 19

Bad Nauheim

Notiert am 03.11.2017

 

Mein Name ist Trude Bucher (eigentlich "Gertrude", - nach meiner Mutter, - doch diesen Namen habe ich nie gemocht). Geboren bin ich am 16.07.1915. In den 102 Jahren meines Lebens habe ich viel erlebt. Zu viel meine ich manchmal. Der Lebensmittelpunkt unserer Familie war unser Haus Stresemannstraße 19. Unten betrieben wir eine Konditorei, ein Café und eine Bar. Mit den Mieteinnahmen vom Hinterhaus und dem zweiten Obergeschoss kamen wir gut über die Runden, hatten viele Freunde und viele Gäste.

Café Stresemannstraße 19 etwa 1927 von links: Trude, etwa 12-jährig, ihre Schwester Paula, ihre Eltern Gertrude und Matthäus und eine Mitarbeiterin mit einem Gast
Café Stresemannstraße 19 etwa 1927 von links: Trude, etwa 12-jährig, ihre Schwester Paula, ihre Eltern Gertrude und Matthäus und eine Mitarbeiterin mit einem Gast

Bei Ulm wohnte mein Großvater Johann. Er war Schäfer mit einer eigenen Schafherde. Das fesselte unser Interesse. Wir liebten ihn. Später gab er aus Altersgründen die Schäferei auf und zog zu unserer Freude zu uns nach Bad Nauheim.

Unsere Zufriedenheit zerstörte jäh die Nazizeit.

Meine Schwester verliebte sich in einen Jungen jüdischer Herkunft. Von da an stellten sich vor unserem Haus Jugendliche mit Schildern auf, die uns diffamierten, verstärkt an Tagen mit größerem Betrieb auf den Straßen. "Judenknechte" stand auf den Schildern. Nein, böse war man den Schilderträgern nicht, auch erwartete keiner von uns Hilfe durch Freunde. Es wusste doch jeder Bescheid! Einer der Jungen blickte sich allerdings zu mir um und winkte mir freundlich zu, als ich aus dem Fenster schaute. Das regt mich noch heute auf. Was dann geschah, mussten auch andere Bürger Bad Nauheims erleben. - Wir wurden gemieden. Unser Geschäft mussten wir aufgeben und verpachteten zunächst die Geschäftsräume. Doch am Ende mussten wir unser Haus Stresemannstrasse 19 verkaufen und verlassen.

Meine Eltern schweißte das zusammen. Meiner Mutter steht ihr Schicksal im Gesicht geschrieben. Sie wirkte manchmal nicht gerade freundlich. Im Laufe der Zeit entwickelte sie geradezu eine Marotte: bei jeder sich bietenden Gelegenheit fuhr sie mit und machte "Ausflüge". Es schien, als dass sie sich mit der Welt ein wenig versöhnte.

Und nun zu mir. Als Nesthäkchen wurde ich sehr geliebt. Ich fühlte mich wohl in meiner Haut. Man beachtete mich. Zeitweilig hatte ich einen Verehrer aus Friedberg, den Tierarzt Dr. Koch. Stolz steht er vor seinem Haus und seinem Auto auf der Kaiserstraße. Verliebt habe ich mich jedoch in einen anderen. Es war eine schöne Zeit. Wenn ich mir die Fotos ansehe, war ich wohl zufrieden. Wir haben zwei Kinder bekommen, die ich auch heute noch von Herzen liebe! - Ein Foto lässt mich gerade Lachen: der da, mit dem ich die nackten Beine im Waldteich baumeln lasse, hat mein Herz erobert. Er war mein Chef, für den ich als Sekretärin im Grand Hotel arbeitete. Im Krieg war ich Rote-Kreuz-Schwester in Bad Nauheim. Später war ich auch mit unseren beiden Kindern Uschi und Norbert mit Vorliebe in Bad Nauheim unterwegs.